Warum Gladbachs Unternehmer ihre eigenen Betriebe mit digitalen Möglichkeiten zerlegen sollten!

In den vergangenen Wochen wurde durch verschiedene Veranstaltungen in Mönchengladbach das Thema Digitalisierung stärker auf die Agenda gebracht. Der Konzern Klöckner gab Einblicke, was Digitalisierung für ein traditionelles Unternehmen bedeutet und wie es damit umgeht, trivago-Gründer Rolf Schrömgens berichtete bei der Gründerwoche, wie er sein Unternehmen in der digitalen Welt aufgebaut hat und in der vergangenen Woche, erklärte der Journalist und Buchautor Christoph Keese, wie die Digitalisierung, die er im Silicion Valley erkundet hat, die Wirtschaft durch disruptive Innovationen verändern wird.

Die Quintessenz all dieser Veranstaltungen lässt sich vielleicht auf zwei Nenner bringen:

1.) Digitale Transformation ist nicht bloße digitale Optimierung. Die Unternehmen müssen verstehen, dass das Thema Digitalisierung viel tiefgreifender ist als nur Prozessveränderung – es geht auch um neue Geschäftsmodelle und neue Unternehmenskulturen.

2.) Die Digitalisierung ist wie ein Geist, der aus der Flasche entwichen ist – es gibt keinen Weg zurück. Wir werden diese Entwicklungen nicht aufhalten können, auch wenn die Orte wie Silicon Valley weit weg sind und technologische Entwicklungen wie künstliche Intelligenz und Blockchain noch unwirklich scheinen, sie werden unsere Wirtschaft, unser Leben und unsere Stadt verändern. Ob wir wollen oder nicht.

Was bedeutet das alles für den Wirtschaftsstandort Mönchengladbach – werden sich viele gefragt haben?

Das Ende der Sachbearbeitung – die Arbeitswelt der Zukunft verstehen

Ein Beispiel: Im Sommer hat der Versicherungskonzern AXA eine Versicherungspolice auf der Grundlage der Technologie Blockchain in den Markt gebracht. Es wäre jetzt hier zu ausführlich, die Blockchain zu erklären, aber im Kern: Ich kann einen Vertrag abschließen, der durch das System dokumentiert wird und der bei der Erfüllung der Bedingungen des Vertrags vollautomatisch bearbeitet wird. Das System gilt durch den dezentralen Aufbau als nicht manipulierbar. Zurück zur AXA. Der Versicherungskonzern bietet seit dem Sommer eine Reiseversicherung an, die automatisch bei Flugverspätungen den Antrag für die Kunden bei der Fluggesellschaft bzw. beim Konzern auf Entschädigung stellt. Alle Daten liegen vor – die Verspätung etc. wird automatisch erfasst, die Vertragsbedingungen sind im System hinterlegt, die Zahlung an den Versicherungsnehmer erfolgt automatisch. In dem ganzen Prozess gibt es also keinen menschlichen Sachbearbeiter mehr. Niemanden mehr, der den Vertrag prüfen muss, das macht die Technologie der Blockchain – man nennt das den „smart Contract“. Wie viele Menschen in Mönchengladbach arbeiten heute bei Versicherungen, Banken oder Dienstleistern als Schabearbeiterinnen und Sachbearbeiter? Wie viele werden in Zukunft in diesem Bereich noch Arbeit finden, wenn sich diese Technologie am Markt durchsetzt?  Welche Arbeitswelt werden wir in zehn Jahren vorfinden? Wie werden Unternehmen aus Mönchengladbach mit dieser Technologie umgehen und wie werden sie in Zukunft noch Produkte an den Markt bringen können, wenn sie diese Technologie nicht beherrschen?

Digitalisierung angehen – sich die neue Welt als Möglichkeit vorstellen

Die Digitalisierung wird nicht nur Geschäftsmodelle verändern, sie wird auch die Anforderungen an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verändern! Wir müssen in Mönchengladbach auf IT-Kompetenz setzen. Wir brauchen an ALLEN weiterführenden Schulen IT- und Informatik-Ausbildung. Aber auch die Unternehmerinnen und Unternehmer, egal ob kleiner, mittlerer oder großer Betriebe, müssen das Thema Digitalisierung angehen – der Geist wird nicht wieder in der Flasche verschwinden. Bei einem Gespräch über das Thema, habe ich vor wenigen Wochen gesagt: „Nehmen sie sich eine Flasche Wein und surfen sie einen Abend im Internet, schauen sie sich die Entwicklungen an, die Technologien, die Möglichkeiten und dann stellen sie sich vor, in ihrer Branche kommt morgen ein Unternehmen, das alle diese Möglichkeiten nutzt. Wo sind sie angreifbar, wo würden sie Kunden verlieren. Zerlegen sie ihr eigenes Unternehmen.“ Das ist kein Witz, das ist der Anfang. Die beiden Bücher von Christoph Kesse „Silicon Valley“ und „Silicon Germany“ sind ein guter Start – dann aber ohne Wein. nextMG wird zusammen mit seinen Mitgliedern in 2018 weitere Veranstaltungen zu dem Thema anbieten.

Auftakt Gründerwoche in MG – trivago-Gründer Schrömgens: Gründer müssen offen sein und dazu lernen!

Guter Auftakt der Gründerwoche in Mönchengladbach: Rund 200 Interessierte kamen am Montagabend im Theater im Gründungshaus (TIG) in Eicken zusammen, um zu hören, was Rolf Schrömgens, Gründer und heutiger CEO von trivago, zu den Themen Gründerkultur und Digitalisierung zu sagen hatte. Bevor Schrömgens, der aus Mönchengladbach kommt und sein Unternehmen in Düsseldorf in einer Garage gegründet hat, die Bühne im TIG betrat, machte Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners noch ein Geständnis: Der OB hatte Mitte der 80er Jahre als Journalist auch mal überlegt, sich selbständig zu machen. „Damals fehlte mir der Mut!“ Für Reiners war die Entscheidung nicht zu gründen aber letztendlich die richtige Entscheidung: „Immerhin bin ich jetzt OB“. Aber er sieht heute bessere Rahmenbedingungen für Gründer in der Stadt: „Heute würde ich jedem sagen: traut euch!“

Es braucht Mut und Offenheit eine Idee weiterzuentwickeln

Schrömgens schloss sich da an. Er berichtete, dass er seine Idee für das Unternehmen hatte als es ihm eigentlich „gar nicht so gut ging“: „Ich hatte kein Geld, hatte gerade bei meinen Eltern aufgehört zu arbeiten, da kam mir die Idee“. Da brauchte es Mut und vor allem Offenheit, die Idee auch zu verändern. „Meine erste Idee war nicht wirklich gut, aber wir haben losgelegt und die Idee immer weiterentwickelt, so sind wir dann in einem evolutionären Prozess zu dem gekommen, was wir heute sind“. Aus Schrömgens Erfahrung ist es eh selten, dass man mit der Idee, die man am Anfang hatte auch erfolgreich wird. „Man muss als Gründer offen sein und muss sein Ego zurücknehmen und die Idee an den Markt anpassen“. Intuition beim Entwickeln von Geschäftsmodellen sei „eh nur was für Genies“, Schrömgens rät dazu eher auf Daten und Analyse zu setzen: „Gucken was funktioniert und immer dazu lernen“, ist sein Rat an Gründerinnen und Gründer. Zudem sei Fokussierung wichtig für den Geschäftserfolg.

Digitalisierung: bei den Menschen und der Unternehmenskultur anfangen

Bei Thema Digitalisierung hat Schrömgens einen klaren Appell an alle Unternehmer: die Digitalisierung wird disruptive Entwicklungen bringen. Aber Schrömgens warnt davor einfach loszulegen: „Digitalisierung bedeutet Veränderung – vor allem für die Menschen im Unternehmen und die Unternehmenskultur. Man muss mit den Menschen anfangen und dann die Geschäftsprozesse nachziehen“, so seine Einschätzung.

Warum hat der Mönchengladbacher Schrömgens sein Unternehmen nicht in Mönchengladbach geründet? „Ich wohnte damals in Düsseldorf und ein Freund hatte eine Garage, in der wir angefangen haben. Damals gab es in Mönchengladbach keine schnell an- und abmietbare Co-Working-Büros, dann wären wir vielleicht nach Mönchengladbach gekommen“, berichtete Schrömgens. Das hat sich auch dank der Arbeit von nextMG geändert: Mit WESTEND.MG entwickelt sich gerade in der Stadt ein Projekt, das viel Raum für solche Bedarfe schaffen wird. Zudem haben sich bereits Projekte wie CO21 und NEOSTARTER in der Stadt etabliert.

Mehr zum Programm der Gründerwoche in Mönchengladbach start-upMG hier.