Lasst uns doch!

Kommentar von Susanne Feldges und Heike Grünert, Mitglieder des Vorstands der Digitalinitiative nextMG e.V., zur Nutzung der Digitalisierung nach und während der Corona-Krise in Mönchengladbacher Schulen.

Jede Krise ist auch immer eine Chance.

Eine Chance, weil wir gewohnte Routinen verlassen müssen. Immer wenn wir neue Wege gehen müssen, entdecken wir neue Möglichkeiten, die wir vorher nicht gesehen hätten. Die Corona-Krise ist so eine Chance für unser Schulsystem. Wir lernen gerade, wie wichtig die persönliche Interaktion zwischen Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrenden ist. Wir lernen gerade, dass nicht alles Online geht. Aber wir lernen auch, dass da Möglichkeiten sind.

Redet man in diesen Tagen mit Mönchengladbacher Lehrerinnen und Lehrern, dann wird klar, dass die vergangenen Wochen viel verändert haben. Viele haben Möglichkeiten im Digitalen entdeckt, die sie früher nicht für möglich gehalten hätten. Das ist der Anfang. Jeder, der sich in der Welt des Digitalen bewegt, weiß, dass man ausprobieren muss.

Die digitale Welt verändert sich so rasant und bietet so viele Möglichkeiten, dass es selbst für Kenner schnell unübersichtlich wird. Das muss man auch Lehrern zugestehen; auch sie brauchen Zeit, um sich zurecht zu finden. Lang schon wurde gefordert, dass das System Schule sich mit den digitalen Möglichkeiten auseinandersetzt und sie nutzt. Aber fairerweise muss man auch zugestehen: Wann hätte das System Schule, das jeden Tag unter Hochlast läuft, denn spielerisch Erfahrungen sammeln sollen, wo noch nicht einmal die entsprechende Technik vorhanden war und ist?

Durch die Corona-Krise sind viele Akteure – Lehrer, Schulleiter, Schüler, Eltern – in das Ausprobieren und das Sammeln von Erfahrungen reingestolpert. Für viele eine harte Erfahrung!

Alles auf Anfang? Nein!

Corona ist eine Unbekannte, die uns eine ganze Zeit lang begleiten könnte, bis irgendwo auf der Welt ein Impf-Schutz gefunden wird. Erste Schulen mussten nach kurzer Öffnung wieder schließen. Digitaler Unterricht wird uns also weiter begleiten. Doch selbst, wenn eine schnelle Lösung für Corona gefunden würde: Warum sollten wir die Erfahrung aus dieser Zeit dann im Nichts versanden lassen? Wir alle haben gelernt. Vieles davon sollte uns von einem „Zurück wie vorher“ abhalten. Denn es ist viel Gutes dabei.

Lasst uns den wertvollsten Schatz bergen, den die Krise produziert hat: Erfahrung. Viele Lehrerinnen und Lehrer haben in den vergangenen Wochen mit der erzwungenen Art des Lehrens und Lernens Erfahrungen gesammelt. Gute wie schlechte. Lasst uns diesen Schatz heben und allen zugängig machen. Lasst uns das machen, was wir von allen fordern: Lernen. Lernen mit solchen Situationen umzugehen und damit vielleicht sogar einen besseren Unterricht als vorher bieten zu können. Einen Unterricht, über den wir mehr Jugendliche erreichen und begeistern für lebenslanges Lernen. In dem wir aber auch Lehrerinnen und Lehrer als das Wertvollste im System Schule wieder zu schätzen und zu achten lernen. Lasst uns erheben, welche Unterstützung das System Schule dabei benötigt: Technisch – sowohl in den Schulen als auch bei den Schülerinnen und Schülern. Systemisch – durch Weiterbildungsangebote für die Lehrenden, die auf den Erfahrungen des erlebten Trial & Errors aufsetzen. Gesellschaftlich – durch das Fortsetzen des Miteinanders von Schule und Familie sowie unterstützenden Angeboten für jene Personen, die, aus welchen Gründen auch immer, sonst nicht mitgenommen würden.

Gemeinsam neue Wege beschreiten

Lasst uns doch jetzt damit anfangen. Denn so schwierig und wechselhaft der Wiedereinstieg ist, steht das System Schule derzeit noch nicht wieder unter Volllast. Lasst uns die Expertise jener Lehrerinnen und Lehrer nutzen, die beispielsweise derzeit als Risikogruppe zuhause bleiben müssen, aber dennoch mit ihren Kollegen im regen Austausch stehen. Lasst uns jetzt in einen Erfahrungsaustausch gehen und einen Weg finden, der alle Akteure weiterbringt. Denn wir alle wissen nicht, wie lange die Krise noch anhält. Vielleicht wird sie zu einem Dauerzustand. Dann sollten wir beweisen, dass unser Schulsystem genau das leisten kann, wofür es steht: Für Lehren und Lernen. Voneinander und miteinander.

 

PM: Habt Mut!

Mönchengladbach, 19. März 2020

Not macht bekanntlich erfinderisch. Die Anweisung der Landesregierung, die Schulen dicht zu machen und den Unterricht dennoch fortzuführen, hat viele Schulen vor enorme Herausforderungen gestellt. Die in Mönchengladbacher Schulen vielfach angewandte Lösung, den zu erlernenden Stoff mit Angaben zu den Büchern und runterzuladenden Arbeitsblättern auf Schulwebseiten zu veröffentlichen, ist indes wenig erfinderisch und leider noch weniger zielführend. Welcher Jugendliche kann sich angesichts von Sonnenschein und steigenden Temperaturen schon zum Lernen motivieren? Seien wir ehrlich: Welcher Erwachsene kann es?

Gleichzeitig offenbart dieser Ansatz zwei eklatante Versäumnisse der Vergangenheit: Zum einen haben wir nicht sichergestellt, dass die Jugendlichen rein technisch in der Lage sind, den Lernstoff auf diese Weise abzurufen und zu bearbeiten. Hat jeder Schüler einen Drucker zuhause? Kann er überhaupt die Daten herunterladen? Ruft er seine Mails ab? Zum anderen dürfte das Gros der Eltern nicht darauf vorbereitet sein, ihren Kindern die dafür nötige Hilfestellung zu geben. Weder technisch noch didaktisch.

Das Meistern der Corona-bedingten Lernkrise hängt somit wieder vom Engagement einzelner Schulen und vor allem Lehrer ab. Erfolgversprechend sind wieder Modelle, die sich die Digitalisierung zu Nutze gemacht haben. Das zeigen Schulen wie die Privatschule HEBO, das Gymnasium am Geroweiher, die Gesamtschule Hardt oder auch das Gymnasium Odenkirchen. Sie waren schon vor der heutigen Situation den Umgang mit neuen Medien und Kommunikationskanälen gewohnt. In regelrechtem New Work Style motivieren sie jetzt mit Video-Chats, Skypen oder Software wie Discord ihre Schülerinnen und Schüler zum selbständigen Lernen des anstehenden Stoffes. „Ich hatte noch nie eine so hohe Anwesenheitsquote wie jetzt“, berichtet Felix Nattermann, Leiter der größten IT-AG der Stadt und schlicht auch Lehrer des Gymnasiums am Geroweiher, von seinem letzten Chat-Unterricht. „Meine Schüler sind den Umgang mit diesen Medien schlicht gewohnt und können ihn leicht für andere Fächer nutzen.“ Denn war ihn besonders freute, war, dass er nun auch viele Kollegen für diese neue Art des Unterrichtens begeistern konnte. „Wir schreiben alle Erfahrungsberichte, die wir gerne auch anderen Lehrern zur Verfügung stellen werden.“ Schließlich müsse Lernen auch für Lehrer eine Selbstverständlichkeit sein.

Learning by doing

Das Modell von jetzt auf gleich auf andere Schulen zu übertragen, ist indes Illusion. Selbst der neu gewählte Vorstand von nextMG brauchte Übung, um in neuer Besetzung innovative digitale Kommunikations- und Arbeitstools zu nutzen. Was aber alle Vorstandsmitglieder hatten und haben, ist das Fehlen jeglicher Angst vor Fehlern in der Welt des Digitalen. Dafür ist ihnen qua Funktion Lust und Mut zu eigen, Neues auszuprobieren. Eine Einstellung, die nextMG gerne auf die Bildungswelt übertragen würde und dafür laufend Empfehlungen für E-Learning-Tools an kooperierende und anfragende Schulen weitergibt. Nicht, um diese jetzt sofort alleinig zur Lösung der Not einzusetzen. Aber um die Not zu nutzen, zu experimentieren, Neues kennenzulernen und Erfahrungen zu sammeln.

Es bleibt jedoch die Notwendigkeit der Diskussion, wie Schülerinnen und Schüler für Unterricht im Jahr 2020 ff. ausgestattet sein sollten. War es vor wenigen Jahren der grafikfähige Taschenrechner, der ob der hohen Anschaffungskosten von den Schulgemeinschaften zu stemmen war, muss es jetzt die Frage sein, ob nicht jeder Jugendliche ab der 5. Klasse einen Laptop und auch eine eigene von der Schule bereitgestellte Mailadresse mit entsprechendem Zugang haben muss. Bei einem verfügbaren Einkommen, das in Mönchengladbach mit rund 20.700 € pro Jahr an Platz 6 hinter Krefeld und nur noch knapp vor Essen und Duisburg rangiert, kann man sich den Aufschrei der Elternschaft nicht nur vorstellen, sondern durchaus nachvollziehen. Denn auch eine Vielzahl an Eltern und Pädagogen muss noch weitergebildet und begeistert werden für den Umgang mit der wachsenden Digitalisierung. Doch niemand weiß, wie hoch der Unterstützungsbedarf wirklich wäre. Lasst ihn uns doch herausfinden! Die Notwendigkeit war noch nie so offensichtlich wie jetzt. Dementsprechend hatte auch Mönchengladbach noch nie so gute Argumente für finanzielle Unterstützung wie jetzt.

Wenn die Lernkrise am Ende etwas Gutes gehabt haben soll, sollten wir alle jetzt Neues wagen. Unter Druck ist der Mensch zu so manchem fähig, vielleicht sogar zur Einführung stadtweit einheitlicher, funktionstiefer und motivierender Lernplattformen für innovatives Lehren und Lernen. „Trial & Error“ war schon zu Platos Zeiten das Grundprinzip des Unterrichtens. Solange man aus Fehlern lernt.

Für Rückfragen:

Ute Schmeiser
Vorstand Kommunikation
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