Die Mechanik der Start-up-Szene: Was wir von Leipzig und München lernen können!

Auch wenn das eigene Unternehmen einmal von der so genannten Old Economy und der Börse als „new business“ bezeichnet wurde, liegt dies nun über 20 Jahre zurück und auch wenn mir diese Zeit wie im Flug vorkam, gehört man inzwischen zu den etablierten Häusern in seinem Wirtschaftsbereich.

Aber auch, wenn man viel erlebt hat, die Herausforderung einer neues Start-Up Business anzugehen sind groß und spannend. Da die Prinzipien, die im heutigen StartUp-Sektor zählen, wieder ganz andere sind, ist die Herausforderung nicht nur die Unternehmensidee als solche, sondern auch wie man in einer hochkommunikativen, hochvernetzten Sharing-Gemeinschaft sein Geschäft aufbaut und dieses im besten Fall dann mit der „old community“ wieder vernetzt.

Zudem haben wir uns mit unserem neuen Start-Up einen Bereich ausgesucht, der zwischen FinTech (technik-basierte Innovationen im Finanzsektor) und eCommerce liegt – in dieser Branche tut sich vieles und die großen Banken-Player sind omnipräsent.

Im Accelerator: Die Mechanik der Start-up-Szene

2017 haben wir unsere Heimatstadt Mönchenglabdach verlassen, um an zwei Accelerator-Programmen teilzunehmen. Accelerator sind Programme, die in kurzer Zeit einem Start-Up helfen, ein Geschäftsmodel zu entwickeln. Dies hat uns extrem viel im Hinblick auf die Mechaniken der Start-up-Szene wie auch dem Sharing-Gedanken im Allgemeinen gebracht – auch wenn bei uns „alte“ Hasen an Bord sind.

Im 2. und 3. Quartal wurden wir zum Handelshochschule Leipzig SpinLab Accelerator in Leipzig eingeladen und haben unsere Zelte in dieser wunderbaren und schnell wachsenden Stadt und Region aufgeschlagen. Die aktive Unterstützung der Universität und der Stadt Leipzig waren jederzeit über gute Mentoren, ein enges Netzwerk und eine nahezu rund-um-die-Uhr Betreuung spürbar. Ein gutes halbes Jahr war unser Quartier die alte Baumwollspinnerei in Leipzig, wo wir unser hochinnovatives Unternehmen im alten Industriecharme mit viel Know-how Transfer und Netzwerk weiter reifen lassen konnten.

Es war extrem spannend, dass „unfertige“ Unternehmen in einer alten Industriebrache wachsen zu sehen – wir waren als Gruppe umgeben von einem unglaublich guten Gründer-Spirit, wie wir es bei unserer ersten eigenen Gründung nicht erlebt haben. Die „Klasse 5“ im SpinLab hatte acht weitere Start-Ups aufgenommen und alle hatten andere Geschäftsfelder – alle spannend und alle hatten ähnliche Probleme, Sorgen und Motivationen. Wir haben uns miteinander gefreut, gefiebert und wir haben auch miteinander gelitten – ein großartiger Spirit in der Gruppe!

In vielen Sessions wurden uns hochwertige Trainer und Mentoren zugeführt, die praxisnah und mit relevantem Wissen für den Aufbau eines Start-Ups, Finanzierung, rechtliches oder natürlich Kontakte in die bestehende Wirtschaftsstruktur sorgten. Wir sind eingetaucht in die Stadt Leipzig und konnten vieles als „Insider“ erleben.

Nach der spannenden Zeit in Leipzig wurden wir von MediaMarkt/Saturn zum Retail TechHub nach München eingeladen, der dort von Plug’n Play, dem größten Start-Up-Accelerator-Unternehmen der Welt, geführt wird.

Mentoren und der Austausch untereinander helfen

Es ging in München um die besten Ideen, um dem Retail neue Inspirationen, Piloten und Integrationsmöglichkeiten zu liefern und mit ihm zusammen zu arbeiten. Es ging somit im letzten Quartal 2017 und ersten Quartal 2018 im Gegensatz zu Leipzig um eine sehr konkrete Unterstützung zur Anbindung an einen Konzern.

Dazu wurden uns sehr internationale und erfahren Mentoren und Trainer aus dem weltweilten Plug’n Play Netzwerk angeboten und wir haben die 4,5 Monate in München eine sehr gute Übersicht darüber bekommen, wie man als Start-Up ein Unternehmen aufbauen, den Spirit halten und als Gründer gut bestehen kann – auch mit oder sogar in einem Konzernumfeld.

Auch in München hatten wir in unserem Batch (Klassen wurden hier zu Batches) ein buntes Starterfeld von sechs weiteren Unternehmen – auch hier war wie in Leipzig der Zusammenhalt in der Klasse herausragend. Wir haben uns gegenseitig unterstützt – bis hin zur Weitergabe von Investorenlisten.

Nachdem ich auch noch die Chance hatte, im September 2017 an der IHK/nextMG Start-Up-Reise nach Israel teilnehmen zu können und dort mit vielen interessanten Investoren und Start-Ups der dortigen Szene kennenlernen durfte – ebenso wie weitere wissbegierige Start-Ups aus Deutschland, die ebenfalls in der Delegation waren bin ich nun wieder in Mönchengladbach.

In meiner Heimatstadt will ich als Vorstand von nextMG mitwirken diese ganzen Eindrücke, möglichen Wege und Methoden auch eine Heimat zu geben.

Was kann man davon lernen? Teilen, Austauschen, Treffen …

Was allen diesen Reisezielen in Leipzig, Tel Aviv und München gemeinsam hatten:

  • Eine starke Community – die Start-Up Szene lebt von unglaublich intensivem Austausch.
  • Man versteht innerhalb dieser Community nicht den beruflichen Austausch darin, dass man von 8-20 Uhr in einem Bürogebäude „hockt“ und ggf. an vielen sehr kreativen Meetings teilnimmt – man teilt sein Leben. Vom Frühstück bis zum Club-Besuch – aber eben ungezwungen. Mal ist man dabei, mal nicht – man hat ein permanentes hop-on, hop-off um sich auszutauschen, um sich gegenseitig weiter zu bringen – es ist ungezwungen und gleichzeitig hochgradig inspirierend.
  • Die „Klassenkameraden“ liefern immer eine neue Idee und Inspiration auf die man selbst nicht kommt und auf der anderen Seite liefert man selbst durch eine kleine Bemerkung dem Anderen den möglichen Durchbruch bei seinem Problem.

Aber wie machen wir das in MG Action-Town? Wie übertrage ich den gemeinsamen Nenner?

  • Wir müssen natürlich die Nähe zur Hochschule nutzen, wir sollten StartUps innerhalb der Themen der Hochschule ansiedeln (natürlich sind weitere Ideen immer willkommen). Wir sollten zunächst einen, vielleicht später einen zweiten „Ballungspunkt“ für Start-Ups bilden, wo man im permanenten Austausch ist.
  • Im besten Fall leben die Start-Ups auf Zeit auch direkt in der Umgebung, um auch in diesem permanenten Austausch kontinuierlich zu bleiben.
  • Diese Gründer-Keimzellen – vielleicht in Ergänzung mit einem Accelerator- Programm – müssen wir in MG schaffen.

Es gibt viele Beispiele in Deutschland und in der ganzen Welt, warum nicht auf in Mönchengladbach?

Warum nicht an solchen Orten wie dem WESTEND.MG oder dem (alten) Polizeipräsidium? Ein weiterer wesentlicher Baustein zum Erfolg solcher Projekte ist, dass diese Dinge vor Ort gewollt sind:

Es müssen Stadtverwaltung, Wirtschaftsförderer, lokaler Mittelstand, Fördervereine, Investoren und Hochschule an einem Strang ziehen – denn bei der Nutzung von Accelerator-Programmen ist für jeden Förderer und seine Ziele etwas dabei!

Für mich habe ich aus dem letzten sehr intensiven Dreivierteljahr mitgenommen:

Wenn jemand eine Reise tut, wird er immer etwas lernen … und dies mit nach Hause mitbringen und weitergeben. Wir sehen uns in Mönchengladbach!

 

Gründung – eine Frage der Mentalität: Scheitern – ja und!

Ich habe bereits von der Reise nach Israel hier im Blog berichtet: Anfang September bin ich als Vorstandsmitglied von nextMG und als Unternehmer auf die Delegationsreise der IHK Mittlerer Niederrhein nach Israel mitgefahren. Ziel der Reise war es, die Start-Up-Szene in Tel Aviv und Jerusalem näher kennenzulernen. Was mich an Israel und seiner Start-Up-Szene fasziniert hat, ist die Mentalität.

Unternehmer – unabhängig davon ob sie es mit ihrem Unternehmen zum Erfolg bringen oder nicht, können dort einfach mit dem nächsten Unternehmen starten. Es ist normal, auch mal zu scheitern!

Im Gegensatz dazu, haben wir in Deutschland eine Vollkasko-Mentalität entwickelt: am liebsten von der Schule bis zur Rente kein Risiko eingehen. Ein Unternehmen gründen, Ideen verwirklichen? Lieber nicht! Der gerade veröffentlichte Gründerreport der IHK Mittlerer Niederrhein zeigt für Mönchengladbach rückläufige Zahlen bei Unternehmensgründungen. Schlimmer ist noch, dass ich den Eindruck habe, dass jene, die es sich trauen verlacht oder bemitleidet werden, einen Versuch zu starten, mittels innovativer Idee selbstständig zu werden. Wer es dabei nicht auf Anhieb geschafft hat, gilt sowieso als Verlierer!

Wir haben in Tel Aviv mit mehreren Unternehmern zusammengesessen, die ein halbes Dutzend Unternehmungen schon betrieben haben – einige davon mit einem erfolgreichen Exit (erfolgreicher Verkauf). Manche aber auch mit einer Schließung und einem Misserfolg, aber sie machen immer weiter. Dies ist dort normal und kein Makel, anders als bei uns!

Wir sollten uns aufmachen und uns einfach mal wieder mehr die Frage stellen: Was könnte ich heute erfinden, damit es mir und meinen Mitmenschen morgen besser geht, was kann ich als Idee realisieren und damit vielleicht Erfolg haben und Menschen Arbeit geben! Mit diesen kleinen Dingen fängt es an …

Als ich am Ende der Reise von Tel Aviv nach Mönchengladbach wieder im Flugzeug saß, ging mir genau dies durch den Kopf: Wir müssen einfach wieder mehr Menschen dazu bringen, Projekte zu starten und anderen Menschen davon begeistern in diese Gedanken zu investieren. Wir brauchen mehr Gründerkultur in Mönchengladbach! Dazu gehört Mut: Nicht nur Mut der Gründerinnen und Gründer, sondern auch der Institutionen! Wir brauchen Investoren, die Mut haben, wir brauchen Kreditgeber, die Mut haben, wir brauchen mehr Mut in der Hochschule, Gründung zu fördern und wir sollten uns als Unternehmer, Stadtverwaltung und Politik fragen, was wir tun können, damit es mehr Gründermut in der Stadt gibt. Das geht uns alle an: Denn die Arbeitsplätze von morgen, sind in Unternehmen, die heute gegründet werden! Darum haben wir den Verein nextMG gegründet, weil wir das am Standort Mönchengladbach ändern wollen.

 

Israel macht es vor – wir brauchen mehr „Jalla-jalla“ in MG!

Anfang September bin ich als Vorstandsmitglied von nextMG und als Unternehmer auf die Delegationsreise der IHK Mittlerer Niederrhein nach Israel mitgefahren. Ziel der Reise war es, die StartUp-Szene in Tel Aviv und Jerusalem näher kennenzulernen. In einem Land, dass von allen Seiten bedroht wird, hängt viel vom Fortschritt und vom „schneller sein“ ab. Alles muss „Jalla-jalla!“ (Zack-zack) erledigt sein. In wenigen Tagen merkt man, dass in Israel alles intensiver passiert, nichts muss auf Dauer so bleiben wie es heute noch ist.

Ein guter Satz, den ich auf der Reise gehört habe: „Ein Israeli kennt den kürzesten Weg zur zweibesten Lösung!“. Es entspricht in Ungefähr unserem 80:20 Prinzip – man muss eben nicht alles bis in die Perfektion treiben, bevor man es auf die Welt loslässt. Gerade im Bereich der Digitalisierung gilt: Man sollte früher mit Feldtests beginnen und dann mit dem Feedback der Kunden arbeiten. Es muss eben schneller zu brauchbaren Ergebnissen kommen und das wiederum wird honoriert in Form von Förderung durch Venture Capital.

Was ist also die Erkenntnis der Reise? Wir haben in Deutschland, in NRW, im Rheinland und in Mönchengladbach noch viel Luft nach oben! Wer einmal sein eigenes Land und die Entscheidungen dort von außen betrachten konnte, wundert sich, dass wir als Wirtschafts-Supermacht durchgehen. Die Agilität die man in den USA (Silicon Valley) oder auch in Israel (Tel Aviv oder Jerusalem) wahrnimmt ist – im Gegensatz zu deutschen Unternehmungen – doch eher wie der Vergleich ICE zur Regionalbahn.

Nun will ich hier nicht der Nestbeschmutzer sein, der bei uns alles schlecht redet. Die Bemühungen Einzelner sind vorhanden und durchaus vergleichbar zu dem oben genannten Schnellzug, aber es fehlt uns komplett an der Breite und der Nachhaltigkeit, verglichen mit den anderen Ländern. Es fehlt einfach eine Gründerkultur – oder sie ist uns abhandengekommen. Vielleicht ist Deutschland wie ein Supertanker oder Kreuzfahrtschiff – unglaublich mächtig, aber in Zeiten der Digitalisierung zu behäbig. Wir müssen wie kleine Schnellboote sein – unglaublich viele, kleine, aber eben wesentlich wendigere und schneller Boote! Und ja, in Schnellbooten wird man auch mal nass, aber es macht auch irrsinnig viel mehr Spaß.

Damit komme ich auf das weitere Problem in Deutschland und auch in Mönchengladbach:
Auf der einen Seite fehlt es uns im Bereich der öffentlichen Hand durchgängig vom Bund bis zur Lokalpolitik an Vordenkern, die das Gold der Digitalisierung für ein rohstoffarmes Land wie Deutschland vollständig erkennen und konsequent und flächig fördern. Darum haben wir den Verein nextMG gegründet, um diese Entwicklung in Mönchengladbach voranzutreiben. Die Digitalisierung als Chance zu begreifen und von der Grundschule an über jegliche Bildungsstufe die Fähigkeit eines jeden Einzelnen in diesem Bereich zu fördern, ist existenziell – und es geht hier um mehr als ein paar Laptops in der Schule!

Ist nun alles schlecht bei uns? Mitnichten – wir haben eine breite Wirtschaft mit extrem viel Mittelstand, der auch sehr innovativ ist. Was uns aber deutlich fehlt ist eine innovationsfreudige Digitalwirtschaft auf ebenso breiter Front (StartUps, Kleinunternehmer und Mittelstand). Diese müssen konsequent gefördert werden und deren „Rohstoff“ sind Absolventen und Berufsanfänger, die diese Materie tief durchdrungen haben und Lust haben etwas Digitales zu schaffen – das fängt eben bei Grundschülern an! Wir müssen Lust auf Mathematik, Naturwissenschaften und Programmierung wecken. Dadurch wird nicht jeder einen solchen Beruf ergreifen, aber wie sollen die Kinder und Jugendlichen ihre Talente in diesem Bereich erkennen, wenn wir sie nicht dazu ermutigen?

Wir müssen ebenso die Infrastruktur schaffen, so dass die Digitalwirtschaft mit ihren Start-Ups und mittelständigen Unternehmen einfach und überall Zugang hat: Wir brauchen die Glasfaser, auch in Mönchengladbach – es handelt sich um die wirtschaftlichen Autobahnen der Gegenwart und Zukunft! Wir müssen das Thema Digitalisierung stärker auf die Agenda der Ausbildungspläne, der Unternehmenslenker und lokalen Politik setzen! Wir haben auch in Mönchengladbach genug Möglichkeiten, aber: wir müssen aus unserer eigenen Komfortzone raus und es tun. Wir brachen in Mönchengladbach mehr „Ruck“ – der Standort muss sich auf die Digitalisierung einstellen – andere Länder machen es uns doch vor – warum nicht direkt damit starten? Was hält uns auf?